Pax-Christi-Präsident Bischof Algermissen im Interview mit der Tagespost
Der Friede Christi war für viele Menschen im zerstörten Europa am Ende des Zweiten Weltkrieges die Hoffnung für einen friedlichen Neuanfang im Zusammenleben der Völker. Aus diesem Geist heraus haben sich Menschen aus ehemals verfeindeten Nationen, Deutsche, Franzosen und Polen, versöhnt. Bischof Théas von Lourdes streckte damals den Deutschen die Hand entgegen. Es entstand die Pax-Christi-Bewegung, die heute in über 60 Ländern der Welt aktiv für Frieden und Gerechtigkeit eintritt. Seit 2002 ist der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen Präsident der deutschen Sektion von Pax Christi. Regina Einig sprach mit ihm über die Aufgaben der Organisation heute.
Wie sehen Sie die Entscheidung der Türkei, den Christen keine Kirche für Tarsus zu genehmigen?
Darüber bin ich sehr enttäuscht. Seit über einem Jahr gibt es die an die türkische Regierung gerichtete Bitte der Deutschen Bischofskonferenz, besonders des Kölner Kardinals, in Tarsus den Christen eine kleine Kirche für ihren Gottesdienst zu überlassen. Die Ablehnung offenbart die Haltung eines Landes zur Religionsfreiheit, das einmal zur Europäischen Union gehören möchte.
Eine solidarische Reaktion der in Deutschland lebenden Muslime ist ausgeblieben. Das Gespräch mit ihnen ist generell schwierig, weil je ein verbindlicher Gesprächspartner fehlt. Weltweit gesehen ist der Islam keine Religion, die Entgegenkommen und Toleranz zeigt. Es gibt in islamischen Ländern Christenverfolgungen. Das zur Sprache zu bringen, sind Politik und Öffentlichkeit zu feige.
Wir bieten Muslimen in Deutschland alle denkbaren Möglichkeiten der freien Religionsausübung, die Christen in muslimischen Ländern werden aber unter Druck gesetzt, isoliert und gar verfolgt. Das empört mich.
Stichwort Christenverfolgung: In einem aktuellen Schreiben von Iustitia et Pax heißt es, Religionsfreiheit als Menschenrecht werde heute selten argumentativ ins Feld geführt. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Die Frage ist, wie Rechte und Werte fundiert werden. Ohne Beziehung zu Gott als dem Grund der Menschenwürde ist Religionsfreiheit als Menschenrecht kaum zu vermitteln. In einer Gesellschaft, die immer gottloser wird, wie die neuen Ergebnisse der Europäischen Wertestudie zeigen, fehlt zunehmend die fundamentale Basis der Freiheit, die nicht gleich in Willkür und Bindungslosigkeit entartet. Die Bedeutung der religiösen Frage in der Öffentlichkeit nimmt in dem Maße ab, als man Religion ins Private abdrängen möchte.
Was tritt an deren Stelle?
Andere Konstrukte, Derivate, alles, was man sich so zusammensucht. Allzu viele versuchen, ihr Leben im Hier und Heute einzurichten, ohne Perspektive darüber hinaus. Die Fragen nach dem letzten Sinn, nach Sterben und Tod werden häufig verdrängt. Eine Wellness-Gesellschaft in Torschlusspanik sucht sich je neue Lusterfahrungen und augenblickliche Befriedigung. Wenn aber Menschen sich selbst genügen, werden sie entsetzlich einsam. Gibt es keine religiöse Dimension, spielt logischerweise auch die Religionsfreiheit keine Rolle.
Pax Christi in Frankreich hat ein neues Projekt zur Unterstützung verfolgter Christen im Orient vorgestellt. Prominente aus Politik und Gesellschaft sollen eine Art Netzwerk bilden und öffentliche Lobbyarbeit leisten. Lässt sich ein solches Projekt auf Deutschland übertragen?
Natürlich. Eine derartige öffentliche Lobby bräuchten wir auch bei uns, um den Skandal der Christenverfolgungen z. B. in Indonesien, Nordindien, in afrikanischen Ländern politisch anzuprangern. Der Aufschrei des Erzbischofs von Bagdad, Jean Benjamin Sleiman, hat in der Öffentlichkeit kaum Wirkung gehabt. Wir stellen in einigen Regionen der Erde faktisch einen latenten Krieg gegen Christen fest. Wenn dieses Übel nicht wahrgenommen wird, entsteht daraus immer größere Gewalt, verfault der Friede. Die Friedensforschung klärt auf: Wer den Frieden will, darf die Auseinandersetzung um Wahrheit und Gerechtigkeit nicht scheuen. Gewalt und Krieg sind Ausbrüche jener Emotionen und Theorien, die zuvor in den Herzen der Menschen vergiftend gewirkt haben.
Ist die Welt seit dem Fall des Eisernen Vorhangs sicherer geworden?
Nein! Wir haben nach der Auflösung des kommunistischen Ostblocks vor 20 Jahren keine sichere Welt bekommen, weil die Armut in den Ländern der sogenannten Dritten Welt global zugenommen hat. Mehr als je zuvor gilt heute, dass wir auf deren Kosten leben. Frieden als Bedingung der Möglichkeit des Überlebens wird nur dann entstehen, wenn die Rechte aller Völker "auf Existenz, Freiheit und echte Entwicklung gesichert, wenn Elend und Hunger überall überwunden werden" (Papst Johannes Paul II. am 7. Juni 1979).
Wo haben sich die Christen aus Ihrer Sicht erfolgreich in Europa eingeklinkt, um das Blatt kriegerischer Konflikte zu wenden?
Pax Christi hat in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, nach dem furchtbaren Weltkrieg, zur Versöhnung zwischen Franzosen und Deutschen entscheidend geholfen. Diese gelungene Versöhnung ist Grundlage für ein friedliches Europa. In Richtung Polen muss aus verschiedenen Gründen noch manches getan werden. Da ist das Maximilian-Kolbe-Werk, eng mit Pax Christi verbunden, engagiert. Von Pax Christi aus haben wir in den letzten Jahren auch eine Reihe von Aktiven zur "Friedensarbeit" auf dem Balkan geschickt und finanziert. Dort bedeutet das Schweigen der Waffen noch nicht, dass Frieden ist. In Israel und im Gaza-Streifen helfen wir vor Ort zur Verständigung und Konfliktbewältigung. Das alles geschieht, um dem "Frieden Christi" in den Herzen (vgl. Kol 3,15) eine Chance zu geben.
Die Wirtschaftskrise berührt auch die Frage nach einer gerechten Verteilung von Ressourcen und Gütern. Werden sich die Verteilungskämpfe in Zukunft verschärfen?
Die Lage, dass immer weniger Menschen immer mehr Kapital zur Verfügung haben und immer mehr Menschen immer weniger an den Ressourcen teilhaben, birgt ein beachtliches Konfliktpotential. Der Heilige Vater nennt in seiner neuen Sozialenzyklika "Caritas in veritate" ausdrücklich die ungerechte Wasserverteilung. Wenn solche Lebensgrundlage fehlt, kommt es auf Dauer zu kriegerischen Auseinandersetzungen.
Welche Erfahrungen machen Sie als Pax-Christi-Präsident mit Politikern in Deutschland? Sind die C-Politiker für das Thema Frieden aufgeschlossener?
Nicht immer ausreichend. Ich bin z. B. mit manchen Äußerungen unseres Verteidigungsministers, der ein engagierter Katholik ist, gar nicht einverstanden. Das betrifft etwa seine sonderbare Idee, die Bundeswehr unter Umständen einzusetzen, wenn die Polizei, wie er meint, überfordert sei. Die Bundeswehr hat aber keinesfalls polizeiliche Funktionen, sie ist eine reine Verteidigungsarmee. Bei ihrem Einsatz in Afghanistan wird sie hingegen faktisch zur Eingreiftruppe, was grundgesetzlich nicht abgedeckt und nicht hinnehmbar ist. Es ist für mich unsinnig zu glauben, Deutschland könne am Hindukusch verteidigt werden.
Leider fehlt bei den meisten CDU-Politikern eine klare Stellungnahme angesichts der Tatsache, dass Deutschland unter den Waffenproduzenten weltweit eine Spitzenposition einnimmt. Für mich ein ethisches Problem!
Durch viele Erfahrungen in den letzten Jahren sehe ich immer deutlicher, dass Frieden nicht zu haben ist, wenn der Schutz des menschlichen Lebens von der Geburt bis zum Tod nicht akzeptiert wird. Viele Politiker, auch solche der CDU, dulden aber Unfrieden, indem sie auf Pragmatismus und Populismus setzen. Denken Sie nur an die Entscheidung zur Liberalisierung der Stichtagsregelung für das Stammzellgesetz im April 2008, aber auch an die faktische Akzeptanz der Tötung ungeborenen menschlichen Lebens, die unter dem Widerspruch "gesetzwidrig, aber straffrei" steht. Hier müsste eine politische Partei mit dem "C" im Namen klarer Profil zeigen.
Gibt es innerhalb von Pax Christi in bioethischen Fragen einen Konsens?
Wäre Pax Christi nicht dem menschlichen Leben rundum verpflichtet, würde die Friedensbewegung aufhören eine katholische zu sein. Da gibt es keine Kompromisse!
Die Mitglieder wissen um mein klares Engagement für den umfassenden Lebensschutz. Und ich habe tatsächlich in den letzten sieben Jahren dazu keine einzige kritische Stimme aus Pax Christi gehört.
Meine primäre Aufgabe als Präsident ist, dafür zu sorgen, dass die eigentliche Berufung, eine katholische geistliche Bewegung für Frieden und Versöhnung im Sinn des Evangeliums zu sein, nicht vergessen wird. Dazu kommt die Notwendigkeit der Vermittlung von Pax Christi zu den Bischöfen und von denen zu Pax Christi. Das gelingt unterdessen besser als noch vor Jahren.
Pax Christi Amerika warnt in seinen jüngsten Ausgaben vor einer Kriegsdrohung Israels. Wie sehen Sie Waffenlieferungen aus Deutschland nach Israel?
Wir müssen auf beiden Augen scharf sehen. Israelische und palästinensische Politiker sind offensichtlich momentan außerstande, wirklichen Frieden miteinander zu finden. Ich habe bei der Pilgerreise der Deutschen Bischöfe im März 2007 den damaligen Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Michel Sabbah, seinerzeit Weltpräsident von Pax Christi, gefragt, ob es eine Friedensvision für die Zukunft gebe. Seine Antwort war ernüchternd: "Erst wenn beide unten liegen und nicht mehr weiterkönnen, kann es eine Möglichkeit geben, gemeinsam aufzustehen, weil wir im Grunde nur miteinander überleben können, nicht gegeneinander."
Die deutsche Politik muss selbstverständlich prüfen, wohin und zu welchem Zweck wir Waffen liefern. Es ist eigentlich unverantwortlich, das Pulverfass Naher Osten durch deutsche Waffen zu verschärfen. Eine Frage der politischen Ethik!
Jedenfalls ist für mich klar: Wenn dem palästinensischen Volk durch Armut, Elend und Erniedrigung die Lebensgrundlage genommen wird, führt dies zu einer Radikalisierung. Und damit beginnt je neu der Kreislauf des Bösen.
Quelle:
"Die Tagespost - Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur",










